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Präventivangriff gegen den Iran
Mit zunehmender Häufigkeit erheben sich Stimmen, die eine schnelle gewaltsame Lösung im Atomstreit mit dem Iran fordern. Aber wie realistisch ist es, dass ein Militärschlag das Atomprogramm beenden kann? Und wie könnte er aussehen?
Schon werden wieder die ersten Berichte über vermeintliche Kriegsvorbereitungen veröffentlicht. Ziellisten sollen es sein, die von der CIA nicht nur mithilfe von Spionagesatelliten sondern auch mit Spezialkräften direkt im Land erstellt werden. Wildeste Gerüchte sprechen sogar vom nächsten Invasionskrieg in der Region und lassen dabei völlig außer Acht, dass selbst die übermächtige Militärmacht USA daran zerbrechen würde. Einen begrenzten Luftangriff aber, da sind sich internationale Experten einig, ist eine mögliche Option, die in den Büros der Geheimdienste und Regierungen Israels und den USA besprochen wird. Doch wie wahrscheinlich sind die angedrohten Konsequenzen in einer Region, in der zugespitzte Polemik und Propaganda zur täglichen Diplomatie gehören? Ein Blick in die Vergangenheit offenbart interessante Parallelen zu einer ähnlichen politischen Situation. Vor genau einem Viertel Jahrhundert wütete der noch junge erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran. Zwei Jahre zuvor machte sich Saddam Hussein vornehmlich durch Drohungen und Morde zum Staatsoberhaupt des Irak. Kaum jemand ahnte damals etwas von den schrecklichen Repressionen gegen große Teile der eigenen Bevölkerung und einen Angriffskrieg gegen den Kuwait einige Jahre später. Und deshalb pflegten noch viele westliche Länder wirtschaftliche und technologische Beziehungen mit dem Irak. Zu den Staaten gehörte auch Frankreich, das den Irak bei einem ganz besonderen Prestigeprojekt unterstützte. In dem nuklearen Forschungszentrum Al Tuwaitha im Südosten von Bagdad entstand der 40 MW leistende Forschungsreaktor mit dem Namen Osirak zusammengesetzt aus Osiris und Irak. Mit wachsender Unruhe beobachtete Israel seit Mitte 1980 die nahende Fertigstellung von Osirak. Eine potenzielle Atommacht im Nahen oder Mittleren Osten zuzulassen war für den Ministerpräsident Menachem Begin keine Option. Das auch sein Land die Bombe besaß war damals noch strengstes Staatsgeheimnis. Doch bevor Israel selber aktiv werden wollte, hoffte man auf Schützenhilfe des Iran. Getreu dem Sprichwort: „Der Feind deines Feindes ist dein Freund" drängte der israelische Geheimdienst den Iran mit Hinweis auf die Gemeinsame Bedrohung zum Handeln. Am 30. September war es dann soweit. Zwei iranische Phantom Jagdbomber, die noch zu Zeiten des Schah von den USA geliefert wurden, griffen den Atommeiler an ohne in wirklich beschädigen zu können. Nach dem missglückten Luftangriff gab es keinen weiteren Versuch der Iraner mehr Osirak zu zerstören. Grund dafür dürften auch die energischen irakischen Bekundungen gewesen sein, dass das Atomprogramm ausnahmslos gegen den „zionistischen Feind" eingesetzt werden soll. Jetzt begann Israel die Zeit davonzulaufen, denn schon bald sollten die ersten Brennstäbe mit dem angereicherten Uran, dass freundlicherweise gleich von den Franzosen mitgeliefert wurde, in den Reaktor eingesetzt werden. Dann hätte ein Angriff zu einer Kernschmelze und der großflächigen Kontaminierung enden können, deren Ausmaße die Menschheit 5 Jahre später in der Ukraine hilflos mit ansehen musste. Die Vorbereitungen eines eigenen israelischen Luftangriffs wurden in den nächsten Wochen und Monaten sehr energisch vorangetrieben. Die auserwählten Piloten waren die besten der erfahrenen Luftwaffe des Landes. Geübt wurde der Angriff an einem nachgebauten Osirak-Komplex in der israelischen Wüste. Als der Stabschef die Piloten persönlich über ihren Einsatz unterrichtete, soll er mit den Worten geendet haben: „Die Alternative ist unsere Zerstörung". Am 7. Juni 1981, um 15:55 Ortszeit starteten die F-15 und F-16 Kampfflugzeuge von der Luftwaffenbasis Etzion im Süden des Landes. Auf dem Flug über Jordanien und Saudi-Arabien zu dem 1,100 km entfernten Ziel, flogen die Flugzeuge in so engem Formationsflug, das sie auf den irakischen Radarschirmen wie ein großes Passagierflugzeug wirkten. Nachdem die letzten Kilometer im Tiefflug zurückgelegt wurden, kamen sie um 17:35 plötzlich aus der untergehenden Sonne und überraschten vollkommen die irakische Luftabwehr. Weniger als 2 Minuten dauerte der Spuk, in denen die Angreifer ihre Bomben abwarfen und den riesigen Komplex auf Jahre in Schutt und Asche legten. Alle Israelischen Flugzeuge kehrten unversehrt zurück.
Was heute weithin als ein kühner und vor allem richtiger Schritt der Israelis gesehen wird, löste damals tiefe Empörung bei der UN aus und gipfelte in einer Resolution gegen den Luftschlag. Der israelische Angriff sollte jedoch nicht der letzte sein. Zehn Jahre später, kurz nach der Invasion in Kuwait, machte Saddam Hussein das Atomprogramm wieder zur absoluten Priorität. Als Konsequenz griffen während der Operation Desert Storm mehr als 100 Flugzeuge der USA den Komplex an verschiedenen Tagen an. Nun ist die Lage im Iran aber nicht eins zu eins mit der des ehemaligen Erzfeindes vergleichbar. Niemand weiß genau wie lange die Wissenschaftler noch Forschen müssen bis der Bau der Atombombe erfolgreich sein wird. Renommierte Experten wie vom Londoner IISS für strategische Studien halten einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren angesichts der Probleme für realistisch. Von viel weniger Zeit gehen die Israelis aus: Mindestens Monate, höchstens ein Jahr lautet ihre Prognose. Selbst die Wiener Atomenergiebehörde wird langsam unruhig. Sie sehen sich kaum in der Lage das riesige Atomprogramm, zu dem überall im Land verstreute Anlagen gehören, effektiv überwachen zu können. Käme es zu einem präventiven Luftangriff würde auf der Zielliste also nicht nur ein einzelner Reaktor stehen, sondern Dutzende Anlagen, die mit dem Atomprogramm in Verbindung gebracht werden. Und neben den offensichtlichen Anlagen, wie der russische Reaktor in Bushehr oder die Anreicherungsanlage in Isfahan könnte es noch unentdeckte Lager- oder Forschungsstätten geben. Bislang wurden 20 unterirdische Bunker und Komplexe mit dem Atomprogramm in Verbindung gebracht. Die weitaus größte dieser Anlagen liegt bei der Stadt Natanz, wo die Veredelung des Urans stattfindet. Der Komplex ist weiträumiges Sperrgebiet und liegt 20 Meter unter der Erdoberfläche. Bis zu 3 Meter dicke Stahlbetonmauern schützen die zwei riesigen unterirdischen Hallen, wo mehrere hundert Menschen arbeiten sollen.
Sollte es zu einem Angriff kommen, sind auch die anderen strategischen Waffen des Iran potenzielle Ziele. Dazu gehören das umfangreiche Chemiewaffenpotenzial aus den 80er Jahren und die Mittelstreckenraketen von Typ Shahab 3. Alles zusammen genommen, spricht man von ungefähr 125 Zielen, deren Zerstörung den Iran in allen 3 Bereichen um viele Jahre zurückwerfen würde. Aber das sind nur die Primärziele. Damit ein Angriff erfolgreich wird und möglichst wenig eigene Verluste fordert, müssen im direkten Vorfeld weitere Ziele zerstört werden. Dazu zählen circa 120 weitere Flugplätze, Flugabwehrstellungen, Kommunikationseinrichtungen und Führungsstellen der Armee und der Republikanischen Garden (Pasdaran). Da die Militärführung der Garden auch das Atomprogramm leitet, ist zudem ein Enthauptungsschlag, wie zu Beginn des Irakkrieges, vorstellbar. Experten ermittelten, dass dafür eine 5-tägige Kampagne mit einigen hundert Flugzeugen und Marschflugkörpern notwendig wäre. Ein Angriff müsste also um ein Vielfaches komplexer sein als der vor 25 Jahren. Aufgrund der Hasstiraden des neuen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad sieht sich Israel in seiner Existenz bedroht und ist wohl am ehesten Bereit sich präventiv zu wehren. Aber sind sie dazu überhaupt in der Lage? Zwar ist deren Luftwaffe mit der überlegenden, meist von US-Rüstungsfirmen gekauften, Technik in der Lage Ziele im Iran erfolgreich zu bekämpfen. Aber die Begleitumstände sind denkbar ungünstig. Allein die Entfernung der vielen Ziele zu Israel stellt die Luftwaffe vor kaum lösbare Probleme. Die Kampfflugzeuge können zwar den Iran erreichen, aber auch nur dann, wenn sie wenig Bomben und Raketen transportieren. Zudem müssten israelische Flugzeuge zuerst die neutralen Staaten Jordanien oder Saudi-Arabien sowie den US-besetzten Irak überfliegen. Eine zweite Möglichkeit könnten Mittelstreckenraketen vom Typ Jericho IIB sein. Diese Atomwaffenträger können auch einen 1.000 kg schweren konventionellen Gefechtskopf bis zu 2,800 km weit tragen. Doch damit lassen sich keine weit entfernten Ziele im Osten Irans erreichen und zur Zerstörung unterirdischer Anlagen wurden sie im Gegensatz zu einigen lasergelenkte Bomben nicht entwickelt. Außerdem ist nicht bekannt wie viele dieser Raketen bislang produziert wurden. Unter diesen Voraussetzungen ist ein israelischer Alleingang konsequenterweise kaum durchführbar, mit erheblichen Risiken verbunden und erfordert zumindest die stillschweigende Genehmigung der USA. Um deren militärische Ausgangslage ist es dagegen viel besser bestellt. Allein die Anzeichen, ob man im äußersten Fall wirklich den militärischen Weg beschreiten will, sind sehr widersprüchlich. Die alles entscheidende Frage wurde unlängst von einem Mitarbeiter von Präsident Bush gestellt: „Können wir das? Natürlich könnten wir das, aber könnten wir auch die Folgen dieser Angriffe kontrollieren und bewältigen?". Er selber „bezweifle" das und bezog sich dabei wohl auf die direkten militärischen Konsequenzen als auch auf die wirtschaftlichen und diplomatischen in aller Welt. Den möglichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten für 2008 John McCain lassen die Folgen dagegen eher kalt: „Es gibt nur eines, was schlimmer wäre als eine militärische Option gegen den Iran und das wäre ein mit Atombomben bewaffneter Iran." Wenn sich diese Falken in der Regierung durchsetzen können, werden wohl bald Explosionen und nicht Kompromisse das Atomprogramm des Iran beenden. Im Gegensatz zu Israel sind die US-Streitkräfte gut positioniert. Bis auf den Norden haben sie überall um den Iran herum Stützpunkte aufgebaut. Aus Afghanistan und den Irak können sie ohne Rücksicht auf offizielle Genehmigungen mit ihren Flugzeugen operieren und Angriffshandlungen durchführen. Und falls die Staaten auf der arabischen Halbinsel, wo weitere Luftstützpunkte unterhalten werden, ihre Zustimmung zu Angriffsoperationen verweigern, kann man problemlos auf Flugzeugträger ausweichen. Diese können völlig frei im Persischen Golf als schwimmender Flughafen eingesetzt werden. Im Persischen Golf und teilweise im Golf von Oman würden außerdem weitere Schiffe mit hunderten Marschflugkörpern auf ihren Einsatzbefehl warten. Mit einer Reichweite von 1.600 km können diese Tomahawks jedes Ziel im Iran erreichen, ohne das sich ein Flugzeug oder Pilot in Gefahr bringen muss. Ein Bombardement der Atomanlagen würde von dieser Abstandsfähigkeit und Überraschung gekennzeichnet sein. An der Sperrspitze eines Luftschlages fliegen erfahrungsgemäß die Tarnkappenbomber F-117 und B-2. Dank ihrer bewährten Stealth-Technologie sind sie durch Radar nicht zu entdecken und können somit unbehelligt Ziele im Iran angreifen. Zusammen mit den Cruise Missiles werden sie die feindlichen Flugabwehrstellungen und Flugplätze auf dem Weg zu den Primärzielen ausschalten und den Weg für die konventionellen Flugzeuge ebnen. In einem koordinierten Angriff aus Westen, Süden und Osten würden diese zeitgleich in den Iran eindringen und ihre unterschiedlichen Waffen einsetzen. Selbst gegen die unterirdischen Ziele besitzt das Arsenal der US Air Force bunkerbrechende Bomben in großen Stückzahlen. Unterstützt werden sie durch unbemannte Aufklärungsdrohnen, die in großen Flughöhen unaufhörlich nach neuen Zielen suchen. So reibungslos ein Angriff in der Vorstellung auch aussieht, einen Präventivschlag wehrlos hinnehmen, soviel ist sicher, wird der Iran nicht. Immerhin stehen in dessen Streitkräfte ständig mehr als eine halbe Million reguläre Soldaten unter Waffen. Aber sind diese überhaupt in der Lage sich gegen einen gut vorbereiteten Luftangriff der mit Abstand stärksten Luftwaffe der Welt effektiv zu verteidigen? Nach den ersten Stunden des Angriffes, in denen die militärische und politische Führung durch die Überraschung und Intensität geschockt sein wird, würde man versuchen eine koordinierte Verteidigung zu organisieren. Der Iran verfügt zwar über Hunderte von Luftabwehrgeschützen und raketen, die sich in Erwartung von Luftangriffen mittlerweile in der Nähe der Atomanlagen befinden. Aber deren Leistungsfähigkeit ist mehr als fragwürdig. Sie wurden zumeist noch während der Zeit des Schahs, also in den 70er Jahren, gekauft und seitdem schlecht gewartet und kaum verbessert. Die US-Luftwaffe verfügt über spezielle Flugzeuge um sie zu orten und anzugreifen oder einfach elektronisch zu stören. Auch der Großteil der iranischen Kampfflugzeuge ist ähnlich alt und deren Besatzungen können gegen einen so hochgerüsteten Feind kaum etwas ausrichten. Dem Angreifer wäre es folglich innerhalb von Stunden möglich Ziele überall im Land relativ unbehelligt zu bombardieren Nach einem solchen Angriff bei denen vermutlich Hunderte Menschen ihr Leben verlieren werden, würde die Bevölkerung enger hinter der Führung des Landes stehen als jemals zuvor und energisch nach Vergeltung verlangen. Dem iranischen Militär stehen genug Möglichkeiten zur Verfügung um der ganzen Welt die Auswirkungen eines Konfliktes in dieser Region spüren zu lassen. Eine der Möglichkeiten wäre es den Schiffsverkehr in der wirtschaftlich enorm wichtigen Seestraße von Hormuz zu unterbrechen. Dabei könnten nicht nur Kriegsschiffe zum Ziel weitreichender Anti-Schiff-Raketen werden, sondern auch Tanker und Frachtschiffe. Sie wären einem Angriff hilflos ausgeliefert. Vor großen Problemen würde die US Navy auch stehen wenn der Iran Seeminen auslegen würde über 3000 Stück sollen sich in den Händen der Marine befinden. Selbst die regionstypischen Dhows könnten zum Legen von Minen eingesetzt werden. Wenn erst einmal Minen gefunden wurden, muss das gesamte Seegebiet abgesucht werden. Für solche Maßnahmen besitzt die schlagkräftigste Flotte der Welt aber nicht genug spezialisierte Minenabwehrschiffe.
Eine ständige Gefahr sind Kurz- und Mittelstreckenraketen, mit deren Hilfe der Iran militärische und zivile Ziele im Umkreis von 1300 km angreifen kann. Ein absolutes Schreckensszenario ist deren Einsatz mit chemischen Kampfstoffen. Während des Krieges mit dem Irak wurde ein ansehnliches Programm aufgebaut. Bis heute soll es noch Hunderte Tonnen waffenfähiges Material in den Depots der Revolutionären Garden geben. Der Gebrauch dieser Waffen würde wiederum eine Vergeltung der USA bewirken und die Region endgültig in ein Chaos stürzen. Die Folgen einer Eskalation wären für die gesamte Welt fatal. Vielleicht sogar so fatal, dass eine Atommacht Iran das kleinere Übel ist.
Von: Dan Löffler (http://www.danmil.de) ____________________________________________________________ Copyright Dan Löffler 2007 - Impressum |
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